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Die Geschichte der Pilze - Teil 1

Die Mykologie, die Bezeichnung der Pilzkunde, wird auf eine Sage zurückgeführt, die von dem griechischen Schriftsteller Pausanias (um 115 bis 180 n. Chr.) aus Magnesia in Kleinasien wie folgt wiedergegeben wird:

Der griechische  Held Perseus, Sohn von Zeus und Danaë, soll in Erfüllung eines Orakels seinen Großvater Acrisius getötet haben, dem er auf dem Thron folgen sollte. Als Perseus voller Scham über die Offenkundigkeit des Mordes nach Agros, auf die Insel Korfu, zurückkehrte, überredete er Megaphentes, den Sohn von Proitos, ihre Königreiche zu tauschen. Als er das Königreich von Proitos erhielt, gründete er Myceanae, weil dort die Kappe (Mykes) seiner Degenscheide herunterfiel und er dies für ein Zeichen hielt, eine Stadt zu gründen. Ich habe auch gehört, schrieb Pausanias, dass er zufällig einen Hutpilz (Mykes) aufhob, um seinen Durst mit dem aus ihm fließenden Wasser zu stillen. Da es ihm zusagte, gab er dem Ort den Namen Myceanae (Mykene).

 

Der ShiitakeHieraus wird gefolgert, dass eine der größten Kulturen des Altertums – die mykenische – nach einem Hutpilz benannt wurde.

 

Die aus diesem Wort abgeleitete „Mykologie“ (mykes = Hutpilz, logos = Vortrag) bedeutet die Lehre der Pilze, auch die der Großpilze und unter Ihnen die der Nutzpilze wie Champignon, Shiitake, Reishi und andere.

 

Schon in vorgeschichtlicher Zeit sammelten die Menschen Pilze und halfen sich mit ihnen über magere Zeiten hinweg. Später im Altertum, als die Küchenkunst ein hohes Niveau erreichte, nahmen sie einen vornehmen Platz auf dem Speisezettel wohlhabender Ägypter, Griechen und Römer ein. Nicht selten wurden sie auch zur Durchführung dunkler Machenschaften verwendet und bis man gelernt hatte, die unschädlichen Pilze von den giftigen zu unterscheiden, haben mit großer Wahrscheinlichkeit viele Menschen ihr Leben lassen müssen.

 

Wir versuchen nunmehr den Fall zu rekonstruieren, als der Mensch zum ersten Mal bewusst mit Pilzen, mit den Männlein im Walde, Bekanntschaft gemacht hat. Der Fall liegt gut 30.000 Jahre zurück und dürfte sich in einer Notsituation zugetragen haben:

 

„Mit unbewegter Miene hockte Orial vor seiner Pfahlhütte und betrachtete den Horizont. Sein Gesicht war eingefallen und seine breiten Backenknochen traten noch stärker als gewohnt hervor. Seine dunklen Augen wanderten unruhig hin und her, doch vergeblich suchten sie nach einer Wolke am klaren, blauen Herbsthimmel, aus der sich endlich ein erlösender Regen auf die umliegende ausgedörrte Landschaft ergießen könnte. Nicht das kleinste Wölkchen trübte den Himmel, die Sonne schien in voller Wucht erbarmungslos wie schon seit Wochen und saugte die letzten Tropfen aus der dahinsterbenden Natur. Auch die Nächte brachten kaum Linderung. Selbst der Tau, der in anderen Jahren nach sonnigen Herbsttagen für nächtliche Erfrischung sorgte, blieb seit langem aus.

 

Die Königin der Edelpilze - TrüffelOrial musste an sein Weib Resta und die Kinder denken, die nach Sonnenaufgang aufgebrochen waren, um in den umliegenden Wäldern nach etwas Essbarem zu suchen. Sie kehrten kurz vor der Mittagsonne mit leeren Händen zurück. Wailer, der Jüngste, konnte vor Schwäche kaum noch gehen. Resta trug ihn auf dem Rücken, obwohl ihr, die doch sonst daran gewöhnt war, Last zu tragen, dies sichtlich schwerfiel.

 

Auch den anderen in der Sippe erging es nicht besser. Alle litten unter der katastrophalen Trockenheit, die seit dem Frühjahr in Transdanubien die Flüsse und Moraste austrocknen, Wälder und Wiesen verdorren und das Wild verenden ließ. Seit Generationen war eine solche Katastrophe nicht mehr über die Sippe hereingebrochen. Aus den Erzählungen des Stammesältesten wussten sie, dass in früheren Jahren, als sie noch in den Höhlen der Großen Berge hausten, immer genügend Nahrung vorhanden gewesen war. Es hatte Vorräte an gedörrtem Fleisch, saftigen Wurzeln und Beeren gegeben, womit sich die Sippe über die eisigen Wintermonate hinweggeholfen hatte.

 

Nun aber half selbst die Kunst Asrans nichts mehr, obwohl Asran ein großer Schamane war und die Sprache der Götter verstand. Asran entfachte jeden Abend ein Feuer und tanzte seinen geheimnisvollen Tanz darum herum, bis er vor Erschöpfung zur Erde sank. Zuletzt griff das Feuer auf Asrans Pfahlhütte über, verschlang sie und hätte beinahe die ganze Siedlung vernichtet, wenn nicht der Wind plötzlich gedreht hätte.

 

Es war ein Abend wie seit vielen Wochen. Die Sonne sandte ihre heißen Strahlen mit fast unverminderter Heftigkeit, bis selbst das letzte Stückchen des großen roten Tellers unter dem Horizont versunken war. Doch Orial fiel auf, dass der Teller größer war als sonst. Ja, er war sogar wesentlich größer. Voll Sorgen trat er in seine Hütte, wo Resta auf ihn wartete.

 

In der Nacht warf ein furchtbarer Donner Orial von seinem Lager. Kaum war der Donner verhallt, kam ein so heftiges Getöse auf, dass Orial befürchtete, die Erde ließe allen bösen Geistern gleichzeitig freien Lauf. Ein Wind fegte über die Landschaft und rüttelte so heftig an der Pfahlhütte, dass Orial mit dem Rücken und seinen ausgestreckten Armen Wand und Pfeiler festhalten musste, damit sie nicht zusammenbrachen. Als der Windstoß vorbei war, ertönte ein heftiges, gleichmäßiges Poltern auf dem Dach der Hütte und es dauerte eine Zeitlang, bis Orial erkannte – es regnete.

 

Er rannte hinaus in die Nacht und spürte, wie der Himmel seine Schleusen öffnete und den lebenspendenden Regen dicht in großen Tropfen über die Erde ergoss. Bald hörte der heftige Schauer auf und ging in einen gleichmäßigen Dauerregen über, der die ganze Nacht und den darauf folgenden Tag anhielt. Als Orial im Morgengrauen des zweiten Tages vor seine Hütte trat, waren Regen und Wolken wieder verschwunden. Die Sonne begann zu scheinen, doch die Kraft ihrer Strahlen war nicht mehr die alte. Orial ergriff seine Steinaxt und nahm Richtung auf den nahe liegenden Wald.

 

Mit langen Schritten erreichte er in wenigen Minuten die ersten Bäume am Waldrand und blieb dort erstaunt stehen. Aus der ausgedörrten Grasnarbe, zwischen den mächtigen Eichen, ragten diese merkwürdigen Wesen heraus, die er schon früher des Öfteren auf seinen Streifzügen beobachtet hatte. Sie hatten ihm durch ihre sonderbare gedrungene bäuchige oder spindeldürre hochragende Gestalt Ehrfurcht und Respekt eingeflößt. Manche von ihnen sahen wie kleine Männer, wie Zwerge mit Hut aus. Andere glichen einem aufgespannten Schirm auf kniehohem Stamm. Sie erschienen völlig überraschend und verschwanden ebenso schnell.

 

Orial beobachtete die merkwürdigen Gestalten und dachte an seinen leeren Magen. Sein Hungergefühl begann Ehrfurcht und Respekt zu überwinden. Kurz entschlossen bückte er sich und riss eine der Gestalten aus der Erde. Er nahm sie in die Hand, roch daran, biss hinein und fand Geruch und Geschmack angenehm. Da fielen ihm Resta und die hungrigen Kinder ein. Abermals bückte er sich und pflückte und legte eine große Menge dieser merkwürdigen Gewächse auf seine ausgebreitete Fellweste. Dann eilte er in die Hütte und breitet seine Beute neben dem Feuer auf der Erde aus. Manche fielen in die Glut, verbrannten und verbreiteten dabei einen angenehmen, appetitanregenden Geruch. Resta und die Kinder fielen über die Nahrung her, um ihren quälenden Hunger zu stillen. Sie aßen diese ‚Waldmännchen’ roh, halb angebrannt und gebraten und merkten dabei, wie sich das Gefühl der Sattheit in ihren Leibern ausbreitete …“

 

Fortsetzung folgt.

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